Der Wind und ich — eine unvollendete Aussöhnung
Ich beobachte fasziniert, wie sich die Blätter auf den Wegen zu kleinen, rastlosen Kugeln zusammenrollen. Für einen Moment bleiben sie liegen, als würden sie überlegen, in welche Richtung sie sich bewegen wollen, und dann setzt sich plötzlich alles in Bewegung. Ein Windstoß genügt, und sie jagen los. Hintereinander, nebeneinander, durcheinander. Sie wirken fast lebendig, wie kleine Wesen, als hätten sie ein Ziel.
Und doch ist es genau dieser Wind, den ich in Dänemark am wenigsten mag.
Das ist keine Kleinigkeit, auch wenn es auf den ersten Blick so wirkt. Wind ist Wind, könnte man sagen, ein meteorologisches Phänomen, das man hinzunehmen hat wie Regen oder Kälte. Aber wer eine Weile hier gelebt hat, weiß, dass der dänische Wind keine bloße Wetterbedingung ist. Er ist ein Zustand. Er ist da, wenn man morgens die Tür öffnet, er ist da, wenn man durch die Straßen geht, er ist da an Tagen, an denen man eigentlich dachte, es könnte ruhig sein. Und selbst in den seltenen Momenten, in denen er kurz pausiert, liegt in der Luft etwas, das wie eine Ankündigung wirkt — als würde er nur Anlauf nehmen.

Eine andere Art von Wind
Ich bin im Süden aufgewachsen, in einem Tal das dem Wind wenig Raum ließ sich zu entfalten. Es gab nie wirklich Sturm, aber es windete hier und da trotzdem. Der Wind war jedoch eher sporadisch. Es war Wetter, nicht Bedingung. Dänemark hat mir eine andere Art von Wind gelehrt: einen, der nicht besucht, sondern bewohnt. Die relativ flache Landschaft und die Nähe zum Meer bietet ihm nichts, was ihn aufhalten könnte und so breitet er sich aus, ungehindert und selbstverständlich, als hätte er das Recht dazu. Was er, wenn man ehrlich ist, wohl auch hat.
Am deutlichsten spüre ich das in der Übergangszeit, wenn der Winter noch nicht ganz vorüber ist und der Frühling sich erst vorsichtig zeigt. Dann ist der Wind nicht nur präsent – er ist durchdringend. Er findet den Weg unter den Schal, zwischen Kragen und Ohr, durch Stoff, der eigentlich warm genug sein sollte. Ich bekomme Ohrenschmerzen davon, einfache, körperliche Reaktionen, die sich nicht wegdenken lassen und dazu eine unterschwellige Erschöpfung, als würde der Körper dauerhaft etwas leisten müssen, ohne dass man genau benennen könnte, was. Es ist das stille Gegenarbeiten, das Kraft kostet, mehr als der Wind selbst.
Was der Wind mir nimmt
Die offensichtlichsten Nachteile liegen auf der Hand. Der Wind macht Kälte kälter, er verstärkt jede Temperatur, die ohnehin schon unangenehm ist, und er macht aus einem bewölkten Märztag etwas, das sich anfühlt wie ein Angriff. Aber über diese körperliche Dimension hinaus gibt es etwas Subtileres, das er nimmt — eine bestimmte Qualität des Draußen-Sein-Könnens, die ich früher für selbstverständlich hielt.
Ich erinnere mich an meine ersten Versuche, hier mit einem Regenschirm durch die Stadt zu gehen. Es schien so logisch, so selbstverständlich. Aber der Wind macht daraus ein kleines Spektakel: Er greift den Schirm von allen Seiten an, dreht ihn um, zerrt daran mit einer Energie, die man nicht erwartet hat, bis man irgendwann lachend im Regen steht, den kaputten Schirm in der Hand, und sich fragt, warum man je dachte, das sei eine gute Idee. Diese Momente sind in ihrer Absurdität fast komisch, aber sie zeigen auch etwas Grundsätzliches: Der Wind setzt dem entgegen, was man gerne täte. Er macht das Spazierengehen anstrengender, das Radfahren kräftezehrender, das einfache Draußensein zu einer Aufgabe, die Vorbereitung verlangt.
Und dann ist da noch das Geräusch. Der Wind ist laut auf eine Art, die man kaum beschreiben kann, ohne übertrieben zu klingen. Nicht immer, nicht überall, aber in bestimmten Straßen, an bestimmten Stellen der Küste, in bestimmten Nächten, wenn er an den Fenstern zieht und dann ist er nicht zu ignorieren. Er dringt in Gedanken ein. Er unterbricht. Er ist keine akustische Tapete, er ist Vordergrund, ob man das will oder nicht.
Was der Wind mir gibt
Und dennoch wäre es nicht gerecht, nur von dem zu sprechen, was der Wind unmöglich macht oder nimmt. Denn er gibt auch etwas zurück, auch wenn es lange für mich gedauert hat, das zu sehen.
Es gibt Tage im Frühjahr oder Frühsommer, an denen der Wind warm ist und nach Meer riecht, an denen er die Wolken so schnell über den Himmel treibt, dass das Licht in ständiger Bewegung ist, wechselnd zwischen Schatten und plötzlichem Strahlen der Sonne. Tage, an denen man versteht, warum dänische Maler so oft diesen Himmel gemalt haben. Der Wind ist mit dafür verantwortlich, dass das Licht hier so besonders ist, und das Licht ist einer der Gründe, warum diese Landschaft so ist, wie sie ist: offen und atemraubend in ihrer Schlichtheit.
Der Wind bringt auch eine Frische auf eine Art, die tatsächlich belebend ist, wenn man ihn lässt. Nach Tagen mit drückender Luft im Hochsommer, in denen die Hitze selten aber doch auch mal steht, ist er eine Erleichterung. Er räumt auf. Er bewegt. Er macht den Kopf frei, manchmal buchstäblich, indem er einen zwingt, präsent zu sein, weil man gegen ihn ankämpft und dabei vollständig im Körper landet, im Jetzt, im Gehen, im Atmen.
Und er hat mich etwas gelehrt, das ich vorher nicht gesucht hatte: praktisches Denken. Die Dänen kleiden sich funktional, durchdacht, in Schichten. Nicht, weil sie keinen Sinn für Ästhetik hätten, sondern weil das Wetter echte Anforderungen stellt, auf die man echte Antworten braucht. Eine gute Jacke ist hier keine Nebensächlichkeit, sie ist eine ernsthafte Entscheidung. Ich habe angefangen, anders einzukaufen, mich anders anzuziehen, anders vorzubereiten. Und in dieser Verschiebung steckt, so merkwürdig es klingen mag, auch etwas Befreiendes. Wenn man aufhört, gegen das Wetter zu kämpfen, und anfängt, mit ihm zu planen, wird es von einem Feind zu einem Arrangement auf das man sich einlässt.
Eine unvollendete Aussöhnung
Ich behaupte nicht, dass ich den Wind inzwischen liebe oder auch nur mag. Das wäre gelogen, und es wäre auch eine seltsame Art, mit etwas umzugehen, das einem täglich Ohrenschmerzen bereitet. Aber ich stehe ihm nicht mehr so im Widerstand wie am Anfang, und dieser Unterschied ist größer, als er klingt.
Widerstand ist teuer. Er braucht Energie für etwas, das sich nicht verändert, er macht aus einer unangenehmen Tatsache ein andauerndes Problem, er hält die Aufmerksamkeit auf etwas gerichtet, das man ohnehin nicht beeinflussen kann. Das Loslassen dieses Widerstands bedeutet nicht, den Wind plötzlich schön zu finden, aber es bedeutet, ihn als das zu akzeptieren, was er ist: ein Merkmal dieses Ortes, unveränderlich, allgegenwärtig, manchmal lästig, manchmal spektakulär, immer präsent.
Es gibt einen Moment am Morgen, kurz bevor man die Haustür öffnet, in dem man noch nicht weiß, wie stark er heute ist. Und es gibt inzwischen Tage, an denen ich ihn höre — am Rauschen in den Bäumen, das Pfeifen an den Fensterfugen und nicht mehr seufze, sondern einfach die Mütze und meine Schal nehme und hinausgehe. Nicht weil er mich nicht mehr stört. Sondern weil ich gelernt habe, dass er dazugehört, und weil ein Leben, das auf das Warten auf besseres Wetter aufgebaut ist, hier oben im Norden kein besonders reiches Leben wäre.
Es stellt sich für mich nicht mehr die Frage, ob ich den Wind mag, sondern wie ich mit dem umgehe, was ich nicht ändern kann. Ob ich meine Energie in Widerstand stecke oder in Anpassung, ob ich auf Bedingungen warte, die nie perfekt sein werden, oder ob ich lerne, in den Bedingungen zu leben, die tatsächlich da sind. Der Wind hat mich das nicht gelehrt, weil er weise wäre. Er hat es mich gelehrt, weil er mir einfach keine andere Wahl gelassen hat.
Und manchmal braucht man genau das.
