Wer über Dänemark liest, stößt früher oder später auf dieselben Aussagen:
Die Familie kommt zuerst.
Die Menschen sind viel entspannter.
Die Gehälter sind höher.
Alles funktioniert besser.
Und vieles davon stimmt tatsächlich.
Nur sehen diese Dinge im Alltag oft etwas anders aus als in Auswanderungsgruppen, Zeitungsartikeln oder auf Instagram. Nach nun Jahren in Dänemark gibt es ein paar Aussagen, die ich immer wieder lese und auf die ich gerne einmal näher eingehen möchte.

Inhaltsverzeichnis
Kommt in Dänemark wirklich die Familie zuerst?
Dieses Bild stimmt tatsächlich ziemlich gut.
Wenn dein Kind krank ist, holst du es selbstverständlich aus der Kita ab. Wenn du pünktlich gehen musst, weil die Abholzeit näher rückt, wird das in vielen Unternehmen akzeptiert. Überstunden gehören oft nicht zu den unausgesprochenen Erwartungen, die viele aus Deutschland kennen. Das heisst jedoch nicht, dass es Überstunden hier nicht gibt.
Der Unterschied liegt für mich jedoch weniger in den gesetzlichen Regelungen als in der gesellschaftlichen Haltung dahinter. Aber genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick auf die eine oder andere Zahl.
In Deutschland hat jeder Elternteil pro Kind Anspruch auf 15 Arbeitstage Kinderkrankengeld im Jahr, Alleinerziehende auf 30 Tage. Bei mehreren Kindern liegt der Maximalanspruch bei 35 Tagen pro Elternteil, bei Alleinerziehenden bei 70 Tagen.
In Dänemark sieht das anders aus: Hier haben Eltern in der Regel nur zwei Krankheitstage pro Kind. Danach beginnt die Organisation. Großeltern fragen, das eigene Netzwerk aktivieren oder andere Lösungen finden. Viele Eltern melden sich in dem Fall auch selbst mal krank.
Familie hat in Dänemark einen hohen Stellenwert. Sie funktioniert nur anders und mit weniger Absicherung als viele erwarten.
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Ist die private Altersvorsorge in Dänemark wirklich kostenlos?
Auch das lese ich immer wieder und das stimmt so nicht ganz, denn schon der Name verrät: Man schließt diese Vorsorge privat ab.
Eine vom Arbeitgeber mitfinanzierte Altersvorsorge ist in Dänemark meist so aufgebaut, dass der Arbeitgeber einen festen Betrag oder Prozentsatz des Gehalts einzahlt, während der Arbeitnehmer selbst einen zusätzlichen Beitrag leistet.
In vielen Tarifverträgen zahlt der Arbeitgeber zum Beispiel zehn Prozent des Gehalts in die Altersvorsorge ein, während der Arbeitnehmer selbst zwei Prozent beisteuert. Zusammen ergibt das eine Einzahlung von zwölf Prozent. Dies ist jedoch im Gehaltspaket mit inbegriffen – d.h. der Arbeitgeber überweist den kompletten Betrag direkt an die Versicherung.
Gerade im Vergleich zu Deutschland ist das ein attraktives Modell. Kostenlos ist die Altersvorsorge deshalb trotzdem nicht – sie wird lediglich anders finanziert.
Verdient man in Dänemark automatisch mehr?
Dänemark hat den Ruf, hohe Löhne zu zahlen, die an den Lebensstandard angepasst sind. Dieses Bild stimmt laut meinen Erfahrungen nur teilweise.
Ich folge mittlerweile vielen Auswanderern und durfte auch einige privat kennenlernen. Aus diesem Umfeld kann ich sagen: Vor allem in sozialen und pädagogischen Berufen, in der IT, im Ingenieurwesen oder in internationalen Unternehmen, die gezielt Fachkräfte suchen, sind die Gehälter häufig wirklich gut.
Gleichzeitig bedeutet eine Auswanderung nicht automatisch ein höheres Einkommen. In meinem Umfeld erleben viele Zugewanderte zunächst eine längere Jobsuche, fehlende Netzwerke oder müssen sich beruflich neu positionieren. Man fängt oft bei Null an, muss sich ein Netzwerk erarbeiten und sich durch verschiedene Jobs “beweisen”.
Die entsprechenden Löhne existieren durchaus. Sie sind nur nicht automatisch Teil jeder Auswanderungsgeschichte.
Bedeutet das Leben in Dänemark automatisch mehr Ruhe und Natur?
Dänemark hat viel Land im Vergleich zur Einwohnerzahl, lange Küsten und viel Platz. Die Ruhe, die viele Menschen suchen, findet man hier tatsächlich oft.
Was dabei manchmal vergessen wird: Ruhe und Weite im Alltag können auch zu Einsamkeit führen über die oft keiner spricht. Vor allem am Anfang, wenn man noch keinen grossen Freundes- und Bekanntenkreis hat.
Wenn Familie und Freunde weit entfernt leben, wenn die Tage im Winter kurz werden und der Alltag leiser wird, kann aus Ruhe auch Isolation werden. Darüber wird deutlich seltener gesprochen als über Hygge, Kerzen und Zimtschnecken. Dabei gehören beide Seiten zum Leben hier dazu.
Sind die Dänen wirklich so entspannt und hilfsbereit, wie man Immer sagt?
Die Dänen sind hilfsbereit, keine Frage. Es herrscht ein starker Fokus auf Gemeinschaft und Vertrauen.
Trotzdem sollte man Ferien nicht mit Alltag verwechseln. Auch hier gibt es den cholerischen Autofahrer oder Radfahrer, der dir den Mittelfinger zeigt oder dich zum schnelleren Fahren drängt. Auch hier gibt es Menschen, die unfreundlich sind, wenn du nicht so reagierst, wie erwartet oder wenn du überhaupt reagierst. Auch in Dänemark gibt es also unfreundliche Menschen, wie in jedem Land.
Aber es gibt eben auch die entspannten, glücklichen und hilfsbereiten Dänen, auf die man zählen kann, wenn man sie braucht.
Werden Probleme in Dänemark tatsächlich auf Augenhöhe gelöst?
Auch dieses Bild entspricht meiner Erfahrung. Hierarchien sind oft flacher, viele Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Jeder soll gehört werden und jeder wird auch gehört.
Das kann sehr angenehm sein. Allerdings führt dieses Prinzip oft dazu, dass gar keine klare Entscheidung gefällt werden, sondern eine endlose Diskussion entsteht, weil niemand jemand anderem auf die Füße treten möchte. Hier ist definitiv Geduld und eine diplomatische Vorgehensweise die beste Lösung.
Die Kultur der Augenhöhe bringt viele Vorteile mit sich. Sie bringt aber auch ihre ganz eigenen Herausforderungen mit.
MEIN FAZIT
Die meisten positiven Geschichten über Dänemark sind grundsätzlich nicht falsch. Sie erzählen nur selten die ganze Geschichte. Und oft entsteht durch einen kurzen Post ein falsches Bild, dass Dänemark als das Land erscheinen lässt, in dem alles einfach rund läuft und ganz so ist das natürlich nicht.
Das Leben hier ist weder das skandinavische Paradies noch die große Enttäuschung, die manche nach ihrer Auswanderung erleben. Es ist ein Alltag mit Vorteilen, Herausforderungen, guten Tagen und schwierigen Tagen. Genau wie überall sonst auch.
Ist Dänemark familienfreundlich?
Ja, im Alltag genießen Familien viel Akzeptanz, wie etwa beim pünktlichen Abholen der Kinder aus der Kita. Bei Krankheit des Kindes gibt es allerdings meist nur zwei bezahlte Krankheitstage, deutlich weniger als das deutsche Kinderkrankengeld.
Ist die private Altersvorsorge in Dänemark kostenlos?
Nein. Sie wird über Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge finanziert, häufig rund 10 Prozent vom Arbeitgeber und 2 Prozent vom Arbeitnehmer, insgesamt also 12 Prozent des Gehalts.
Verdient man in Dänemark automatisch mehr als in Deutschland?
Nicht unbedingt. In Branchen wie Sozial- und Pädagogikberufen, IT oder Ingenieurwesen können die Gehälter attraktiv sein, aber viele Auswanderer erleben zunächst eine längere Durststrecke mit Jobsuche und einen Neuanfang beim Netzwerkaufbau.
Ist das Leben in Dänemark einsam?
Das kann es sein. Die viel gelobte Ruhe und Natur können bei fehlender Nähe zu Familie und Freunden auch in Einsamkeit umschlagen, die man oft unterschätzt.
Sind die Dänen wirklich freundlicher als anderswo?
Viele Dänen sind hilfsbereit und gemeinschaftsorientiert, aber es gibt – wie überall – auch unfreundliche oder ungeduldige Menschen.
Wenn du selbst in Dänemark lebst, über eine Auswanderung nachdenkst oder gerade versuchst, an einem neuen Ort anzukommen, kennst du diese Momente vielleicht auch: Die Geschichten, die man vorher gehört hat, stimmen irgendwie – und gleichzeitig fühlt sich die Realität anders an.Genau über diese Seiten des Lebens im Ausland sprechen wir auch im TeSalon. Zweimal im Monat treffen wir uns online und tauschen uns über die Themen aus, die zwischen Behördengängen, Sprachkursen und Instagram oft keinen Platz finden: Ankommen, Identität, Alltag, Arbeit und die Frage, wie ein neuer Ort langsam zu einem Zuhause wird. Du bist herzlich willkommen.

